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Frankfurt am Main, den 30.04.2019

Ethik der Mobilität – Wie viel Verkehr können wir noch verantworten?

Rückblick auf die Podiumsdiskussion am 3. April 2019 im HOLM

Eine ethisch verantwortbare Mobilität ist möglich, sofern Wirtschaft und Gesellschaft bereit sind zu – durchaus starken – Veränderungen. Technik und Konzepte für den notwendigen Wandel sind vorhanden, die Bereitschaft, ihn zu vollziehen, angesichts des Klimawandels auch. Saubere, erneuerbare Energie nicht nur für den Verkehrssektor kann erzeugt werden. Bis das Ziel erreicht ist, werden wir in den nächsten zehn bis 15 Jahren aber eine drastische Verschärfung der Stausituation auf deutschen Straßen erleben.

Diese Einschätzungen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der dritten Diskussionsrunde in der Reihe „Ethik der Mobilität – wie viel Verkehr können wir noch verantworten?“ Anfang April im HOLM gegeben. Prof. Dr. Michael Schreckenberg (Universität Duisburg-Essen) geht angesichts des prognostizierten Verkehrswachstums vor allem auf der Straße davon aus, dass sich die Stausituation auf deutschen Straßen in den nächsten zehn bis 15 Jahren verschärfen wird, „weil wir so viele Sanierungsmaßnahmen vor uns haben“.

Die Ursache für das Verkehrswachstum sieht Schreckenberg nicht zuletzt im Wunsch ständiger und allgemeiner Verfügbarkeit von Waren. „Es gibt viel unsinnigen Verkehr, aber Auslöser ist auch unser Konsumverhalten. Wir konsumieren ja lustig weiter, ob Bier aus Bayern oder Parma-Schinken aus Italien, das geht ja alles über die Straße.“

Ein Lkw nutze die Straße in gleichem Maße ab wie 60.000 Pkw, sagte Schreckenberg. Zehn Prozent  der Fahrzeuge auf der Straße seien Lkw, „sie können dann überlegen, was das am Ende für die Umwelt bedeutet“. An die 160 Gäste im Publikum gerichtet, sagte Schreckenberg: „Jeder von ihnen ist ja gerne Konsument, geht gerne in den Supermarkt und hat gerne alles da stehen, was er meint zu brauchen.“

Angesichts der Belastungen im Verkehrssektor sei in den vergangenen 15 Jahren vergleichsweise nichts passiert. Brückensanierungen seien nicht interessant gewesen. „Das haben wir vor uns her geschoben. Politiker sagen ihnen  ganz klar, ich mache nix, was länger als vier Jahren dauert. Das muss in vier Jahren umsetzbar sein, damit es für die nächste Wahl positive Schlagzeilen gibt.“

Als Beitrag für eine verantwortbare Mobilität sieht Schreckenberg den kostenfreien Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Der würde zwölf Milliarden Euro und weitere zwölf Milliarden Euro Investitionen in die Infrastruktur kosten. Heute fehle dem ÖPNV die notwendige Kapazität. Wenn bei einem Dieselfahrverbot alle Autofahrer auf den ÖPNV umsteigen würden, „würde das Netz zusammenbrechen, weil wir die Kapazität nicht haben“.

Dirk Kannacher, Vorstand der GLS Bank, hat für sich und für die Bank die Verkehrswende bereits eingeleitet, auch wenn die Rahmenbedingungen alles andere als optimal sind. Als Beispiel nannte Kannacher seinen Weg vom Wohnort zum Arbeitsplatz. Mit dem Auto dauere die Fahrt 21 Minuten, mit dem Fahrrad 45 Minuten und mit dem ÖPNV mehr als eine Stunde. Deshalb nutzt der GLS-Vorstand das Auto, „weil alle anderen Varianten nicht gegeben sind. Da muss man offen sein und sagen, wir haben noch vieles vor uns, damit der Umstieg funktionieren kann“.

Allerdings steigt Kannacher, wie auch einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bank, in ein E-Carsharing-Auto. Von 600 Beschäftigten setzen inzwischen 120 Männer und Frauen auf Teilen statt Besitzen. Den klassischen Dienstwagen, gerade für Vorstände, gibt es bei der GLS Bank nicht.

Ein Umdenken im eigenen Mobilitätsverhalten, wie auch den Wandel der Mobilitätsstrategie der Bank, sieht Kannacher im Kontext von Nachhaltigkeit und Klimawandel. Kurz vor dem Earth Day 2019 und der Tatsache, dass der Earth Overshoot Day in jedem Jahr früher erreicht ist – der Tag, an dem die Menschheit die Ressourcen verbraucht hat, die der Planet in einem Jahr zur Verfügung stellt – sagte Kannacher: „Wir feiern gerade die Party, die zu Ende geht. Den Earth Overshoot Day haben wir in diesem Jahr Anfang Mai erreicht. Wenn wir mit unserem Ressourcenverbrauch so weiter machen, dann verkürzt sich die Party mit jedem Jahr.“

Kannacher leitet die Frage, wie „enkeltauglich die Entscheidungen sind, die ich treffe. Ich stelle mir die Frage, was tue ich, um eine vernünftige Antwort auf die Frage zu  haben, wie enkeltauglich sind meine Entscheidungen, die ich getroffen habe. Hast du dafür gesorgt, dass du eine lebenswerte Zukunft für die folgenden Generationen hinterlassen hast. Diese Frage muss sich jeder für sich selbst beantworten“.

Der Bankvorstand fordert deshalb dazu auf, das Bild neu zu denken, das uns auf dem Weg in die Zukunft leitet. „Wir sind alle ein wenig bequem geworden, haben uns ein Stück Luxus angewöhnt, auf das wir vielleicht verzichten müssen.“

Zu dem von Kannacher eingeforderten Bild zählt nach Einschätzung von Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker von der Universität Siegen die Erkenntnis, dass wir es im Blick auf eine ethisch verantwortbare Mobilität bislang versäumt haben, die städtebauliche und räumliche Dimension des Verkehrs ausreichend zu berücksichtigen. Die alltäglichen Wege, die Fahrt zur Arbeit, zum Einkaufen, all das seien Verhaltensweisen, die in der Planung stärker berücksichtigt werden müssten.

Darüber hinaus können Gebäude nach Einschätzung von Messari-Becker, die auch Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen ist, auch saubere Energie für den Transportsektor liefern. „Wir haben im Gebäudesektor zahlreiche Möglichkeiten, Energie zu erzeugen, sowohl erneuerbare Wärme als auch erneuerbaren Strom, und diesen Strom kann man in mehreren Sektoren nutzen.“ Dächer und Fassaden würden sich etwa für  Photovoltaik-Paneele eignen, „die sie heute kaum erkennen können“, weshalb sie die Gebäude auch nicht ästhetisch beeinträchtigten.

Ein gutes Beispiel für Energiegewinnung mit Gebäuden ist für Messari-Becker das Plus-Energiehaus, das Manfred Hegger von der TU Darmstadt entwickelt hat und das in der Speicherstraße in Frankfurt gebaut worden ist.

Das Gebäude generiert ausreichend Strom für die Bewohner und speist überschüssigen Strom in die Ladestationen des E-Carsharing oder in das öffentliche Stromnetz ein.

Ein weiterer wichtiger Schritt ist für Messari-Becker die Entwicklung der Quartiere: „Jede Strecke, die wir zurücklegen, beginnt und endet am eigenen Wohnhaus. Deshalb müssen wir die Infrastruktur schaffen, Elektroladestationen bauen und Carsharing anbieten. Ein Carsharing-Fahrzeug kann bis zu sieben Autos im Privatbesitz ersetzen, das zeigen ja Beispiele auch aus Frankfurt.“

Die Herausforderung sieht das Mitglied des Sachverständigenrates für Umweltfragen in der Energiespeicherung. „Da sind wir noch nicht sehr weit, da muss die Politik fördern und umsetzen.“ 

Moderne Mobilität bedeutet für Messari-Becker, „Mobilität nicht zu verbieten, sondern vieles möglich zu machen, und die Wege, die man anbietet, attraktiver zu machen. Man muss am Ende schnell, ökologisch und bezahlbar mobil sein können“.

Dass Mobilität unter bestimmten Rahmenbedingungen auch ohne Auto möglich ist, zeigen Jesko Treiber (19) und Felix Quartier (16), zwei Mitorganisatoren der „Fridays for Future“-Demonstrationen in Freiburg. Treiber hat keinen Führerschein und fragt sich, wofür er die Fahrerlaubnis braucht in einer Stadt, „in der ich alles mit Rad oder Straßenbahn erledigen kann. Ich reise sehr viel, fahre mit dem Zug, das ist weitaus effektiver. Ich habe mir nie große Gedanken gemacht, den Führerschein zu machen“.

Das Leben der Eltern bestimmt für die Gruppe der 14- bis 16-Jährigen den Alltag und welche Mobilitätsform genutzt wird, sagte Felix Quartier. „Aber durch unsere Demonstrationen gerät das Thema Klimaschutz mehr in die Köpfe. Ich kann selbst was dafür tun. Wir informieren auf unseren Demos, was man tun kann. Manche entscheiden sich dann, mit dem Bus zur Schule zu fahren oder sich vegetarisch zu ernähren. Da findet ein Wandel in Köpfen statt. Es ist ein Prozess wie in der gesamten Gesellschaft.“

Ob Flugtaxen, wie sie als neue Form der Mobilität gerade in Metropolen diskutiert werden, einen Beitrag für eine ethisch verantwortbare Mobilität leisten, ist nach Einschätzung der beiden Schüler noch nicht ausgemacht. Treiber sagt, wir müssten uns grundsätzlich Gedanken machen, was sinnvoll sei. „Vielleicht bringen sie was, am Ende geht es aber darum, von A nach B zu kommen, und das möglichst umweltfreundlich. Ich will nicht auf Kosten anderer leben, aber das tun wir im Moment noch nicht. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir das schaffen.“

Felix Quartier: „Wir müssen von Grund auf darüber nachdenken, wie wir leben wollen. Wir sollten am Kern ansetzen und das Gesamtbild überdenken.“ Beide „Fridays for Future“-Mitorganisatoren fordern, den ÖPNV attraktiver machen und das Land besser an die Stadt anzubinden. „Das ist sehr wichtig. Es kann nicht sein, dass es ein Nachteil ist, auf dem Land zu leben.“  

Dass eine Verkehrswende in diesem Sinne möglich ist, daran erinnerte Lamia Messari-Becker mit ihrem Hinweis auf Oslo und Kopenhagen: Diese beiden Städte hätten in den vergangenen zehn Jahren den ÖPNV extrem günstig angeboten und ein Verkehrskonzept etabliert, mit dem jeder Mensch innerhalb von 15 Minuten von der Wohnung zum Ort der Tätigkeit gelangen könne.

Michael Schreckenberg blieb skeptisch, was die skizzierten Projekte und Vorschläge angeht. All das seien Möglichkeiten, aber er plädiere dafür, pragmatisch zu sein. „Sie können sich eine Wunschstadt vorstellen, aber das werden wir so schnell nicht umsetzen können. Wir werden in den nächsten Jahren eine Verschlimmerung der Zustände erleben, das ist einfach so. Alles andere ist Schönrederei.“

Diese Skepsis meldete Schreckenberg auch für Planungen wie den Bundesverkehrswegeplan an. „Was steht da drin im Bundesverkehrswegeplan, der bis 2030 gilt? Da steht drin, was Politiker gerne hätten, die Umfahrung oder den Tunnel im eigenen Wahlkreis beispielsweise. Im Verkehrsausschuss konnte sich ja jeder was wünschen. Wenn sie das ändern wollen, müssen sie das politische System ändern.“

Und welche Rolle spielen die Medien, wenn es um Themen wie Klimawandel und Verkehr geht? Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion, sagt, dass die Medien Berichterstatter seien. „Medien setzen nicht wirklich Themen, manchmal tun wir das in der Umweltredaktion, das machen wir dann auch mit großer Freude, aber in der Regel reagieren wir auf das, was draußen passiert.“

Angres äußerte sehr deutlich Kritik an der Politik, an den Regierungen, an Bundestag, Bundesrat und Länderparlamenten. „Sie sind einfach verlogen, wollen eine Verkehrswende, wollen Nachhaltigkeit, und im Koalitionsvertrag der GroKo steht das alles wunderbar drin.“ Aber wie sieht die Wirklichkeit aus?

Tatsächlich machen es schon einfache Vorgaben unmöglich, die selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Die Redaktion, sagte Angres, habe vor einiger Zeit versucht, die Sendungen klimaneutral zu stellen. „Wir müssen uns aber bei den Reisekosten nach dem Bundesreisekostengesetz richten, und Klimaneutralität ist da nicht vorgesehen. Warum schreibt niemand ans Kanzleramt und sagt, ‚Leute, ihr müsst in das Bundesreisekostengesetz reinschreiben, es muss klimaneutral verreist werden‘. Das wäre schon mal ein großer Fortschritt. Und das gilt sinngemäß für auch für andere Themen.“

Vor diesem Hintergrund empfiehlt Angres, Produkte, die mit dem Blauen Engel ausgezeichnet sind, von der Mehrwertsteuer zu befreien, um die richtigen Belohnungsanreize zu setzen. Das könne auch für Tickets des ÖPNV gelten.

Zweifel äußerte Angres an Mobilitätskonzepten und der Verkehrswende. Das sei im Grunde alles Unsinn: „Man macht ein bisschen Kosmetik in einem bestehenden Verkehrssystem. Aber wir brauchen einen radikalen Systemwechsel im Denken über den Verkehr, über Nachhaltigkeit. Die einzelnen Sektoren müssen zusammengedacht werden. Arbeitswelt, Digitalisierung, Mobilität, Stadtquartier und Städtebau muss alles unter einem Dach gedacht werden.“  

Mit den Protesten der „Fridays for Future“-Bewegung ist inzwischen die Sensibilität für die Themen Klimawandel, Ressourcenverbrauch und Verkehr gewachsen, manches habe sich geändert in der öffentlichen Wahrnehmung, sagte Jesko Treiber. „Greta Thunberg und ihr Protest waren die Initialzündung, sie hat radikal damit angefangen. Sie ist am Anfang gar nicht mehr zur Schule gegangen und hat den Protest später auf den Freitag verlegt. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass man handeln muss. Durch die Streiks zeigen wir, dass sich was ändern muss.“  

„Ihre Rede auf der Klimakonferenz in Kattowitz war sehr beeindruckend“, sagte Felix Quartier. „Sie ist sehr inspirierend. Ich habe einen halben Tag mir ihr in Hamburg verbracht. Man merkt bei ihr, dass es ihr nicht darum geht, große Rede zu schwingen wie in der Politik. Es geht ihr wirklich um die Sache, und sie kann das gut formulieren.“

Die Botschaft der beiden „Fridays for Future“-Vertreter: „Es ist nicht mehr fünf vor 12, es ist zwölf, und deshalb schlägt der Protest auch so große Wellen.“

Zuvor hatte Prof. Dr. Michael Bongardt eine Einführung in das Hauptwerk von Hans Jonas gegeben, der mit seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“ den Impuls für die Reihe „Ethik der Mobilität“ gegeben hat.

Verantwortlich sei der Mensch nur für das, worauf er Einfluss habe, was er selbst bewirken oder verändern könne. „Verantwortung reicht nicht weiter als die Macht, die ich habe“, erläuterte Bongardt.

Die neue Technologie habe laut Jonas die Macht des Menschen aber unendlich erweitert. Eine Macht, die reichen würde, das Leben auf der Erde unmöglich zu machen. Selbst der zielgerichtete und sinnvolle Gebrauch der Technik werde, wenn die Entwicklung so anhalte, allein durch den Ressourcenverbrauch und durch die Schadstoffe irgendwann das Leben auf der Erde unmöglich machen.

Jonas habe, sagte Bongardt, deshalb einen neuen kategorischen Imperativ formuliert: „Handle so, dass die Konsequenzen Deines Handelns vereinbar sind mit der Permanenz echten menschlichen  Lebens auf Erden.“

Deshalb sei der Mensch im technischen Zeitalter verantwortlich für die  Zukunft des Lebens, im Grunde für alles, weil der Mensch ohne Natur nicht leben könne.